Strategietag Industrie 4.0 – Diese vier Schlüsseltrends prägen digitale Zukunft

Automatisierung des Vertrauens

Bild: Susanne Seiler
Markus Back / Chefredaktor Smart Tech /

Die Digitalisierung verändert unsere Welt und unseren Alltag. Auf was bei diesem Wandel zu achten ist, skizzierte der Hamburger Trendforscher Torsten Rehder beim zweiten Strategietag «Industrie 4.0» im GDI in Rüschlikon. Er beschrieb bei diesem vier Schlüsseltrends, welche weitsichtige Unternehmer unbedingt auf ihrem Radar haben sollten.

Die Digitalisierung ist an für sich längst ein alter Hut! Bereits vor knapp einem halben Jahrhundert brachten erste Unternehmen speicherprogrammierbare Steuerungen auf den Markt und legten mit diesem den Grundstein für Industrie 3.0. Und es sollte gar nicht so lange dauern, bis darauf aufbauend die New Economy das Zeitalter der vierten industriellen Revolution einläuten sollte. Wie dieser erste Versuch der Veränderung endete, ist den allermeisten Babyboomern bestens in Erinnerung. Das Platzen der Dotcom-Blase verursachte eine Detonationswelle, die manch vielsprechendes Start-Up, aber vor allem noch sehr viel mehr Träume vom schnellverdienten Geld, mit ins Nirwana riss.

Doch diese Wunden sind verheilt und die digitale Vernetzung ist längst Alltag. Dass diese auch auf immer mehr Agenden in Unternehmen aufpoppt, bestätigte der gute Zuspruch beim zweiten Strategietag «Industrie 4.0» im GDI Rüschlikon. Zu diesem hatten sich über 200 Teilnehmer aus dem Schweizer C-Level angemeldet, um von Pionieren und Experten Tipps und Anregungen für ihre zukünftige digitale Strategie zu erhalten. Welche vier Schlüsseltrends sie dabei unbedingt beobachten und möglicherweise sogar in ihre strategischen Überlegungen miteinbeziehen sollten, verriet ihnen der Hamburger Trendforscher Torsten Rehder.

1. Schlüsseltrend: Internet wird Outernet

Das Internet, so wie es die meisten kennenlernten, ist passé. Es ist der beengten Gefangenschaft eines sperrigen Computers entsprungen und heute mobil in unseren Hosen- und Manteltaschen unterwegs. Und diese uneingeschränkte Mobilität stellt das Nutzerverhalten komplett auf den Kopf! Nur noch 15 Prozent der Nutzungsdauer eines Smartphones entfällt aufs Telefonieren, die übrige Zeit wird fürs Checken von Whatsapp, Facebook oder die Nutzung vollkommen neuer Serviceleistungen, wie die Partnersuche, genutzt. Bei Tinder entscheidet beispielsweise ein ganz gewöhnlicher Fingerwisch über Heiraten, Kinder kriegen, Langeweile und Tod oder eben gleich Letzteres – schiebt der Finger das Profil nach rechts, geht das Date klar, wischt er es nach links, bringt vielleicht das nächste die Hormone in Wallung.

Doch welche Handlungsempfehlungen leiten sich für weitsichtige Unternehmen aus diesen neuen, mobilen Möglichkeiten ab? «Der Kundenservice der Zukunft, egal ob B2C oder B2B, orientiert sich an solchen Outernet-Beispielen», sagt Torsten Rehder und schiebt quasi in einem Fingerwisch gleich die Erklärung für seine Hypothese nach: «Diese Outernet-Beispiele geben die Erwartungshaltung vor!» Doch für den 38-Jährigen steckt hinter diesem ersten Schlüsseltrend sehr viel mehr als mobiles Internet und ein paar Apps. Da im Outernet die Informationsressourcen des Internets mit smarten Sensornetzwerken verschmelzen, wird die reale Welt mit einer digitalen, omnipräsenten Mehrwertschicht überzogen.

2. Schlüsseltrend: Hightech wird Shytech

Die Technologie wird immer intelligenter, doch mit dieser wachsenden Intelligenz geht eine zunehmende Schüchternheit einher. «Die Technologie integriert sich in immer mehr Alltagsgegenstände und verschwindet damit von der Oberfläche», sagt der Zukunftsforscher. Bestes Beispiel für ihn ist das Smartphone, das sich intuitiv bedienen lässt und keinerlei Schalter benötigt, um die integrierte Kamera oder das verbaute Navigationssystem zu bedienen. Ein andere Anwendung, die vor schüchterner Technologie nur so strotzt, sind Virtual-Reality-Headsets. Diese erlauben ihren Nutzern ein Eintauchen in andere Welten und ermöglichen der Gaming-Industrie ungeahnte Möglichkeiten.

Diese beschränken sich aber keineswegs auf die Gaming-Industrie! «Schon heute kann ich eine Vorabbegehung durch meine Fabrik machen und dabei prüfen, wie ich für einen optimalen Logistikfluss meine Maschinen platzieren muss», beschreibt Torsten Rehder eine bereits umgesetzte Anwendung. Eine andere befasst sich mit Sicherheitsschulungen von Mitarbeitenden. So können diese mit Hilfe von Virtual-Reality-Headsets Evakuierungen auf Bohrinseln oder aber auch Reparaturen in sicherheitskritischen Umgebungen üben, ohne sich dabei wirklich zu gefährden, da ja eine Brille eine virtuelle Welt erzeugt.

Mindestens für ebenso interessant hält der Norddeutsche Augmented-Reality-Brillen, bei denen sich digitale Informationen über ein reales Bild legen. Bei konsequentem Einsatz dieser Technik, könnten gemäss einer Studie von Gartner Unternehmen im Bereich Maschinenwartung jährlich bis zu einer Milliarde US-Dollar einsparen. Diese enorme Summe begründet das Marktforschungsunternehmen unter anderem mit einer schnelleren und effizienteren Auftragsabwicklung, da das Wartungspersonal die jeweiligen Arbeitsschritte fortlaufend in die Datenbrille eingeblendet erhält.

3. Schlüsseltrend: Datafication

90 Prozent der heute verfügbaren Daten existierten bis vor zwei Jahren überhaupt nicht. Davon ausgehend, dass 2020 knapp 25 Milliarden Objekte, wie etwa Fernsehgeräte, Autoreifen, Waschmaschinen, Parkuhren, Rolltreppen und vieles weitere Teil des Internets der Dinge sein wird, dürfte die Datenmenge in den kommenden Jahren exponentiell zunehmen – zumal es bereits sogar in Zement oder Tapeten integrierte Mikrochips gibt, die jede Sekunde ihres Produktlebens Daten senden und ebenso empfangen können. Für einen zusätzlichen Schub dürfte die Einführung des 5G-Standards ab etwa 2020 führen. Er wird Datenraten von bis zu 10 Gbits pro Sekunde ermöglichen, was in etwa dem zehnfachen Wert des aktuellen LTE-Standards entspricht.

Doch welche neuen Geschäftsmodelle leiten sich aus diesem Daten-Tsunami ab? Diese sind vielseitig und reichen schon jetzt weit über die praktizierte vorbeugende Wartung hinaus. Doch diese hat mit allen anderen und noch folgenden Modellen eines gemein – sie basiert auf Vertrauen! Und mit diesem ist es bislang nicht weit her, wenn Unternehmen ihre Daten an Dritte herausgeben sollen. Doch das könnte sich schon sehr bald ändern, wie der Enddreissiger vermutet. Seine Zuversicht nährt sich hierbei aus einer neuen Software-Architektur namens «Blockchain», die nach seiner Ansicht das Vertrauen automatisieren wird. Diese reiht Informationen in nicht manipulierbare Datenblöcke in einer Endloskette aneinander und garantiert so allerhöchste (Manipulations-) Sicherheit. Selbst mögliche Geschäftsmodelle fallen ihm dazu bereits ein. Sollte beispielsweise ein Leasingnehmer VW eine Rate für den neuen Tuareg schuldig bleiben, merkt dies die Blockchain und sperrt dem Säumigen über die Bordelektronik den Zugang zum Fahrzeug. «Die Blockchain ermöglicht papierlose, bindende Vereinbarungen zwischen zwei Parteien nach festen Wenn-Dann-Regeln», beschreibt Torsten Rehder deren Vorzug. Hat sich ein solcher Smart Contract übrigens erledigt, überschreibt eine neue Blockchain die bestehende und sagt, dass der Vertrag abgelaufen und das Fahrzeug nun im Besitz des bisherigen Leasingnehmers übergegangen ist.

4. Schlüsseltrend: Künstliche Intelligenz

Keine Lust mehr, stundenlang in der Warteschleife von Service- oder Callcentern zu warten? Die künstliche Intelligenz nimmt uns dies bereitwillig ab – und zwar nicht erst in der Zukunft! Schon heute gibt es Chatbots, die zum Beispiel mit Telefonanbietern um bessere Tarife feilschen und dabei eine beachtliche Erfolgsquote von 80 Prozent aufweisen. Doch diese Künstliche Intelligenz wird sich zukünftig nicht nur auf Geräte beschränken, sondern Robotern eine noch bessere Interaktion mit dem Menschen erlauben. Und auch dies ist keine Zukunftsmusik! Ein belgisches Krankenhaus zählt zu seinem Personal zwei Roboter, die Patienten und Besucher empfangen, in einem japanischen Hotel lösten diese bereits komplett das Personal ab.

Für den Trendforscher sind das nur zwei von vielen Szenarien, welche uns in Zukunft alltäglich erscheinen werden. Es wird nach seiner Ansicht auch schon bald möglich sein, Künstliche Intelligenzen in assistierenden Funktionen einzubinden, zum Beispiel in Aufsichtsräten. Zu weit hergeholt! Keineswegs. In Hong Kong berief erst kürzlich eine Investmentfirma eine Künstliche Intelligenz in ihren Vorstand und krönte diese zur letzten und entscheidenden Instanz – stimmt diese einem Investment nicht zu, und mag es noch so lukrativ erscheinen, wird dieses nicht getätigt. Für manchen Zuhörer im GDI stellte sich da die Frage, ob eine Künstliche Intelligenz bei VW wohl eine Manipulation der Abgaswerte toleriert hätte?

Fazit

Die digitale Transformation kennt kein Speed Limit. «Das müssen wir uns immer wieder klar machen», sagt der 38-Jährige. Doch selbst wenn der technologische Fortschritt ein permanenter Puls- und Taktgeber ist, so Torsten Rehder, sei es am Ende immer noch der Mensch, der die Zukunft gestalte. Sein Tipp für diese Mammut-Aufgabe: «Nehmen Sie ruhig auch einmal einen anderen Blick auf eine Sache. Neue Perspektiven eröffnen neue Horizonte, und das ist wichtig! Vor allem, wenn es um die Zukunft geht.»