Besuch des Kühllagers der F. Hoffmann-La Roche in Kaiseraugst

Ben Hur braucht es nicht mehr...

Menschen und in Formation fahrende Fahrerlose Transportsysteme.
Fahrerloses Transportsystem beim Einlagern von medizinischer Ware.
Markus Back (Text) und Susanne Seiler (Fotos) /

In Kaiseraugst betreibt die F. Hochmann-La Roche auf geschichtsträchtigem Grund eines der modernsten Kühllager im Firmenverbund. Im 1. bis 3. Jahrhundert führte eine für Augusta Raurica wichtige Handelsstrasse durchs Firmenareal hin zum Osttor der Stadt. Doch das ist nicht das einzige, was den Pharmahersteller und die alten Römer verbindet!

Irgendetwas scheint es mit dem Flecken Land ganz im äussersten Nordwesten des Kantons Aargau auf sich zu haben! Nicht anders ist es zu erklären, dass die Römer schon 15 vor Christus Augusta Raurica wegen seiner strategischen Lage zum Koloniehauptstandort ausbauten – genau hier trafen die Nord-Süd-Verbindung von Italien ins Rheinland und die West-Ost-Verbindung von Gallien an die Donau und nach Rätien auf den Rhein. Heute, fast 2000 Jahre später, betreibt die F. Hoffmann-La Roche nur wenige Pilum1-Würfe vom Jupitertempel und Amphitheater entfernt eines der fortschrittlichsten Kompetenzzentren für Sterilproduktion und zugleich sein grösstes Verpackungszentrum im weltweiten Imperium. Von Kaiseraugst aus gehen Medikamente und Arzneien in 130 Länder und sollen dort Schmerzen lindern und Heilung bringen.

Ist diese räumliche Nähe reiner Zufall oder ein Fingerzeig der Geschichte? Darüber lässt sich streiten! Fakt ist, so wenig die Meisten über die einstige Bedeutung von Augusta Raurica für die Römer wissen, so wenig sind ihnen die Ausmasse des heutigen Produktionsstandorts klar. Und das, obwohl das Fabrikareal mit 314184 Quadratmetern eines der grössten der Schweiz ist und auf einer Länge von 500 Metern förmlich an der Autobahn 3 klebt. Wobei fairnesshalber zu sagen ist, dass aufmerksame Verkehrsteilnehmer an dieser Stelle kaum Zeit zum ausgiebigen Landschaftsstudium haben. Das Fabrikationsgelände liegt in unmittelbarer Nähe zur Verzweigung Augst, wo die Fricktalroute mit der von Luzern kommenden Autobahn 2 verschmilzt und ab dort den Grossraum Basel und die dahinter liegende Heimat von Asterix dreispurig ins Visier nimmt. Wer hier die Augen nicht auf der Fahrbahn hat, riskiert mehr als nur einen Deichselbruch!

Fahrerlose Transportsysteme

Zeit ist relativ! Während Chauffeuren in Höhe Augst diese zum Landschaftsstudium fehlt, hat sie bei Roche in Kaiseraugst massgeblichen Einfluss auf die Qualität der biotechnologischen Arzneimittel. Da die Fertiglösungen und gefriergetrockneten Injektions- und Infusionspräparate weder Wärme, geschweige denn Hitze vertragen, entscheiden die rinnenden Sekunden ausserhalb der Kühlkette mit darüber, ob eine Charge am Ende «gut» oder «schlecht» ist. Da die zweite Variante für den Kranken eher schlecht ist, investierte das Basler Pharmaunternehmen vor drei Jahren rund 30 Millionen Schweizer Franken in den Bau eines vollautomatisierten Kühllagers mit knapp 8000 Palettenplätzen. Dieses befindet sich in Sichtweite zu den Produktionsgebäuden und ist mit diesen unterirdisch verbunden.

Doch wie erfolgt der Transport von den Produktionsgebäuden in das Kühllager und später von dort in den Versand? Zu Zeiten des Medicus Romanus ein klarer Fall für Ben Hur! Heute braucht es dazu keine furchtlosen Gladiatoren mehr. Fahrerlose Transportsysteme als intelligente Variante des altrömischen Streitwagens sind dieser heiklen Aufgabe wesentlich besser gewachsen und reduzieren erst noch den Bruch auf null. Mit diesem Paradigmenwechsel änderte sich zwangsweise der Name des Wagenlenkers. Er heisst nun nicht mehr Ben Hur, sondern X20CP1485-1, und stammt nicht wie dieser aus den judäischen Bergen, sondern von B&R aus Oberösterreich.

Die neue Software ermöglicht eine effizientere Transportabwicklung.

 Die Umstellung vom Vorgängermodell schloss Roche übrigens erst Anfang dieses Jahres nach knapp zwölfmonatiger Projektdauer ab. Verbunden mit dieser Modernisierung: ein komplettes Re-Engineering der Software. Mit Unterstützung des ebenfalls neuen Leitrechners ist nun eine flexible Fahrzeugdisposition möglich. Dies erlaubt eine effizientere Transportabwicklung und lässt Spitzen in der Produktion viel besser handhaben. Römische Draufgänger sind damit definitiv Geschichte!

WLAN-Kommunikation

Was die Wahl des Transportmittels angeht, haben antike Wagenlenker bereits seit längerer Zeit ausgedient. Anderes gilt für die Kommunikation zwischen Leitrechner und Fahrerlosen Transportfahrzeugen. Hier nutzte das Pharmaunternehmen bis vor kurzem das gleiche Prinzip wie schon die Legionäre zu Zeiten von Kaiser Augustus2 – elektromagnetische Strahlung. Schwenkten die Wachsoldaten für die schnelle Nachrichtenübermittelung von einem Kastell zum anderen ihre Fackeln, nutzte Roche bis zur Modernisierung 2011 Infrarot für den Datenaustausch. Beides Mal ist beziehungsweise war Licht das entscheidende Trägermedium! Inzwischen plaudern Hauptsteuerung und autonome Hubwagen, die problemlos Lasten bis zu einer Tonne Gewicht transportieren können, über das firmeneigene WLAN. Dieses, heisst es von Unternehmensseite, sei von den eigenen IT-Leuten bestens betreut und gleich durch mehrere Sicherheitsbarrieren vor Attacken jeder Art geschützt.

Sicherheitsbarrieren sind das eine, die Qualitätssicherung ist das andere! Deshalb speichert der Arzneimittelhersteller selbst die Daten der Transportaufträge und ist daran, deren Auswertemöglichkeiten zu erweitern. Damit soll den geänderten Qualitätsanforderungen bezüglich Handling der Kühlware und den immer komplexer werdenden Produkten Rechnung getragen werden. Entspricht eine Charge nicht dem Standard, lässt sich zukünftig anhand der dokumentierten Werte noch detaillierter als jetzt feststellen, ob während des Transports wirklich die Kühlkette eingehalten wurde. Wobei das eigentlich nicht passieren darf! Insgesamt 78 Messfühler, die einmal im Jahr zur Eichung müssen, überwachen die temperaturkritischen Zonen in Produktion, Lager und Versand und geben bei Gefahr Alarm. Ganz so wie einst die Legionäre auf ihren Wachtürmen, wenn sich die Alamannen in kriegerischer Absicht dem Limes näherten.

Interne und externe Kontrollen

Die Limites galten neben der schnellen Nachrichtenübermittlung der Kontrolle des täglichen Waren- und Personenverkehrs. Kontrollen ist auch die F. Hoffmann-La Roche unterworfen – und das von internen wie externen Instanzen. Da sind zunächst einmal die Gesundheitsbehörden der 130 Länder, die aus Kaiseraugst Antibiotika zur Behandlung von Lungenentzündungen, Sepsen und weiteren mehr oder weniger schlimmen Krankheiten beziehen. Diese schicken regelmässig ihre Vertreter an den Hochrhein, die Fertigung, Lagerhallen und Versandanlagen gründlich inspizieren. Nur wenn der Pharmahersteller die Qualitätsanforderungen der jeweiligen Staaten erfüllt, erhält er für deren Märkte eine Zulassung.

Und wie kommen die Arzneimittel schnell in diese Märkte? Idealerweise nicht mit dem Streitwagen, sondern mit dem Flugzeug. Dabei garantieren speziell isolierte Boxen eine durchgängige Kühlkette von 96 Stunden. Angesichts eines solchen knappen Zeitfensters bedarf es einer raschen Abwicklung am Flughafen. Und hier kommt das Bundesamt für Zivilluftfahrt als weitere Kontrollinstanz ins Spiel. Nur bei Erfüllung dessen strenger Auflagen gilt Roche als kontrollierter und zertifizierter Lieferant für den Flughafen. Diese Bestimmungen besagen unter anderem, dass alle Türen eine Zutrittskontrolle benötigen und nur autorisiertes Personal in die Lager darf. Zudem müssen diese ausgewählten Mitarbeiter einmal im Jahr eine Schulung absolvieren und regelmässig den Strafregisterauszug vorlegen. Gaius Julius Cäsar wäre vermutlich dem Meuchelmord durch Marcus Brutus entgangen, hätten für seine Prätorianer auch nur halb so strenge Auflagen gegolten!

Speziell isolierte Boxen garantieren eine durchgängige Kühlkette von 96 Stunden.

Doch Gaius Julius Cäsar ist Geschichte! Damit im Lager nichts vergessen wird und so ebenfalls zur Geschichte wird, findet einmal im Jahr eine Inventur statt. Da die Überprüfung mehrerer hunderttausend eingelagerter Waren und Artikel mehrere Wochen benötigte, gibt das System Stichproben vor, die zu kontrollieren sind. Zwar kann durch die Zutrittssicherung nichts abhanden kommen, aber theoretisch könnte sich irgendwo verrechnet worden oder es bei der Eingabe zu einem Zahlendreher gekommen sein. Also hangeln sich die Lagermitarbeiter für diese Stichproben-Inventur mit Brust- und Sitzgurten gesichert durchs Hochregallager, um zu prüfen, ob das, was elektronisch im System vorhanden ist, tatsächlich physisch existiert. Was Asterix bester Kumpan Obelix zu diesem Aufwand sagen würde, ist klar: «Die spinnen, die Römer!»

1Wurfspiess
227 v.-14 n. Chr.

Kühllager Kaiseraugst
Steriles Abfüllen, Verpacken und Versenden ist bei der F. Hoffmann-La Roche in Kaiseraugst Programm. Da zwischen den einzelnen Prozessen Qualitätsfreigaben erforderlich sind, müssen die Produkte zwischengelagert werden. Da insbesondere biotechnologisch hergestellte Medikamente in einem engen Temperaturbereich von 2 bis 8 °C zu lagern sind, investierte der Pharmahersteller rund 30 Millionen Schweizer Franken in den Bau eines vollautomatisierten Kühllagers. Dieses ging vor drei Jahren in Betrieb und schloss die letzte Lücke von der Sterilproduktion bis zu dem Moment, in denen die fertigen Injektions- und Infusionspräparate auf Lastwagen geladen werden und in 130 Länder gehen. Zuvor wurden temperaturempfindliche Arzneimittel bei einem externen Servicepartner zwischengelagert, was jedoch einen enormen logistischen Aufwand nach sich zog

Kühllager in Zahlen

  • 16700 Palettenplätze im Hochregallager bei kontrollierten 15 bis 25 °C
  • 8150 Palettenplätze bei kontrollierten 2 bis 8 °C
  • 200 Palettenplätze bei kontrollierten –10 °C
  • 5250 Lagertablare für Kleinmengen bei kontrollierten 15 bis 25 °C
  • 19 Fahrerlose Transportfahrzeuge mit circa 300000 Palettentransporten im Jahr
  • Warenumschlag von circa 35 bis 50 Lastwagen pro Tag