Vogt Schild Druck trotz mit weltweit modernster Druckintegration Herausforderungen des Marktes

Druckerfahrung in digitale DNA geschrieben

Auf dem Kommandostand der Rotoman Directdrive laufen die im Prozess gemachten Bilder in Echtzeit auf und erlauben schnelle Korrekturen. Über ein Mobile Panel lässt sich die Druckmaschine aber auch von jedem anderen Ort aus steuern. Bilder: VS Druck
Im Keller befindet sich das Rollenlager. Im Bildhintergrund ist zu erkennen, wie die Papierbahnen durch die Kellerdecke der Rotation zugeführt werden.
Der automatische Rollenwechsler integriert modernste Messtechnik.
In Reih und Glied reihen sich die fünf Drucktürme auf, deren Druckwalzen im Vergleich zu anderen Lösungen flexibel und nicht starr sind. Der fünfte Druckturm ist für Sonderfarben und (Duft-) Lacke vorbehalten.
Die Papierbahnen laufen mit bis zu 40 km/h durch die Rotoman Directdrive.
Die Druckmaschine hat zum Vorgänger zwei Trichter und gestattet so flexiblere Umfänge.
Alles gut. Nach dem Druck schliesst sich ein vollautomatisches Handlingsystem zum Lagern der Druckerzeugnisse an.
Markus Back / Chefredaktor Smart Tech /

Das veränderte Medienverhalten und der starke Schweizer Franken setzen den hiesigen Druckereien gewaltig zu. Die Vogt Schild Druck AG in Derendingen reagiert auf diese Herausforderungen mit der Inbetriebnahme der weltweit modernsten Druckintegration. Die Rotoman Directdrive erlaubt ihr dabei industrielle Produktion auf höchstem Niveau und erhöht zugleich deren Flexibilität.

Offsetdruck ist ein organsierter Zufall! Diese Aussage eines altgedienten Druckers steht in keinem Lehrbuch, kommt der Realität aber ziemlich nahe. Die Farbe verhält sich täglich anders, das verwendete Papier sowieso und das Wasser mit seinen zugesetzten Stoffen, die haargenau dosiert sein müssen, beeinflusst ebenfalls den Prozess. Hinzu kommen die klimatischen Bedingungen. Fährt die Druckmaschine beispielsweise nach einer kühlen Herbstnacht an, gelangen Buchstaben und Bilder mit einer ganz anderen Sättigung aufs Papier als nachmittags, wenn die Sonne die Umgebungslauft aufgeheizt hat – und dies bei absolut gleichen Einstellungen der Regler. Entsprechend braucht es Erfahrung, um die Makulatur, also den Ausschuss, gering zu halten.

Die Rotoman Directdrive von MAN Roland, die seit dem Frühjahr bei der Vogt Schild Druck AG unter anderem Zeitschriften, Tischsets oder Geschäftsberichten ihr ganz individuelles Erscheinungsbild verleiht, integriert diese Erfahrung bereits in ihrer digitalen DNA. Dies reduziert nicht nur die Makulatur, sondern macht sie in Kombination mit den Mess- und Regelsystemen zur weltweit modernsten Druckintegration. Und dieses Smart Printing nimmt bereits bei der Papierzufuhr in den Kellerräumen seinen Anfang.

40 km/h Druckgeschwindigkeit

Die Rotoman Directdrive hat einen ordentlichen Appetit. Im Normalbetrieb druckt sie in einer Stunde 65000 Exemplare einer 16-seitigen Broschüre. Hierfür benötigt sie rund 40 laufende Kilometer Papier, was in etwa der Strecke von Solothurn nach Olten entspricht. Um diesen Bedarf zu bewältigen, führt ein vollautomatisches System den Druckwerken das Papier zu. Damit es dabei nicht zu Engpässen kommt, verdoppelte Vogt Schild Druck sein Papierlager und versah dieses mit einer halbautomatischen Auspackstation sowie Produktionsvorbereitungsplätzen. An Letzteren scannt ein Mitarbeiter unter anderem den Barcode der Papierrollen ein, was insbesondere für die Qualitätskontrolle entscheidend ist. Da der Rollenwechsler eine hochauflösende Kamera integriert, lassen sich beispielsweise Fehler in der Beschaffenheit des Papiers oder dessen Ablaufverhalten von der Rolle erkennen und vor allem durch den in der Steuerung hinterlegten Barcode eindeutig zuordnen und dokumentieren. Zwei weitere Kameras, eine nach den Druckwerken und eine vor dem Falzapparat, erhöhen zusätzlich die Prozesssicherheit.

Schneller Sortenwechsel und flexible Druckwalzen

Im Vergleich zur bisherigen Maschine bietet die Rotoman Directdrive eine um 10000 Exemplare erhöhte Druckleistung pro Stunde. Doch diese Masse alleine ist es nicht, was die Neuinvestition so wirtschaftlich macht. Benötigten für den Plattenwechsel bisher zwei Mitarbeiter vier Minuten, stemmt diesen nun ein einziger in eineinhalb Minuten. Dieser schnellere Sortenwechsel erlaubt selbst eine industrielle Produktion kleinerer Auflagen von 2000 bis 5000 Exemplaren und leistet damit der geänderten Mediennutzung Folge. Für weitere Wirtschaftlichkeit sorgt die Option, nicht benötigte Druckwalzen auseinanderzufahren. Dies ist beispielsweise beim Druck zweifarbiger Broschüren interessant. Während dazu bei herkömmlichen Maschinen die starren Walzen mit leeren Druckplatten bestückt werden müssen, fährt die Rotoman Directdrive diese einfach auseinander und erspart so die zeitaufwendige Bestückung.

Vier Druckwerke für die Farben Yellow, Magenta, Cyan und Black sind Standard. Doch die neue Maschine bietet eben ein bisschen mehr als nur diesen. Ein fünftes Spezialitätenwerk gestattet es, zum Beispiel Kundenfarben wie das typische Orange von Coop oder Duftlacke zu drucken, die sich abrubbeln lassen. Eine gedruckte Erdbeere riecht dann auch wie eine Erdbeere.

Lackiererei nutzt Abwärme des Trocknungsofens

Zeitungspapier hat eine sehr viel bessere Saugfähigkeit als das für Zeitschriften- und Akzidenzdruck verwendete Papier. Daher muss Letzteres vor dem Falzen zunächst trocknen, damit der Druck nicht verschmiert oder es zur Wellenbildung kommt. Um diesen Prozess zu beschleunigen, fährt es durch einen 14 Meter langen und knapp 165° C heissen Ofen. An und für sich wäre der nur knapp 1,2 Sekunden dauernde Vorgang nichts Besonderes. Wieso er hier dennoch Erwähnung findet, ist die Einsparung von 40000 Litern Heizöl im Jahr. Verpuffte diese Abwärme bisher nämlich durch den Schornstein, nutzt sie nun ein in der Nachbarschaft ansässiges Lackierunternehmen. Die durch die Wärmetauschanlage erzielte Ersparnis teilen sich die beiden Unternehmen.

Messtechnik reduziert Makulatur

Kürzere Regelzyklen, eine präzisere Farbregelung und dadurch weniger Makulatur garantieren die verbauten Mess- und Regelsysteme. Eines davon ist die Inline Density Control, die in nur einem Messschritt die Farbdichtewerte über die volle Papierbreite erfasst und anhand von Farbmarkern im Druckkontrollstreifen die Farbdichte automatisch regelt. Dies erhöht die Qualität und reduziert zugleich den Ausschuss. Die Schnelligkeit garantieren dabei die über die komplette Bahnbreite angeordneten Messmodule. Dieser Aufbau gestattet deutlich höhere Frequenzen bei der Farbmessung als Systeme, bei denen eine bewegte Kamera die Papierbahn abfährt.

Ebenfalls einen Einfluss auf die Makulatur hat die Inline Cutoff Control, die auf einer CCD-Kamera mit hoher Messfrequenz basiert. Mit ihrer hohen Abtastrate über alle Bahngeschwindigkeiten hinweg garantiert sie die saubere Einstellung der Schnittregister. Als Marke benötigt sie dazu auf dem Druckbogen lediglich eine unauffällige Punktmarke, die sich beliebig im Sujet platzieren lässt.

Vor dem Schnitt laufen die Papierbahnen jedoch zunächst durch den Falzapparat, der im Vergleich zu früher nun aus zwei statt einem Trichter besteht. Vorteil dieser Lösung: Bei Zeitschriften, wo die Umfangserweiterung aus Kostengründen meist in 16-Seiten-Schritten erfolgte, lassen sich nun auch 4- und 8-er Schritte wirtschaftlich realisieren.

Neue Aufgaben für Mitarbeiter

Die aufgezeigten Innovationen sind nur ein Teil der weltweit modernsten Druckintegration. Doch bei all der Begeisterung für die fortschrittliche Technik stellt sich eine Frage: Wo bleibt bei dieser der Mensch? So braucht es für die Bedienung der Rotoman Directdrive nur noch zwei statt bislang drei Mitarbeiter. Trotzdem, und das ist das Erfreuliche, kam es durch deren Inbetriebnahme zu keinen Entlassungen. Allerdings haben sich für einige von ihnen die Aufgaben und Verantwortlichkeiten verschoben. Aber im Zeitalter von Industrie 4.0 und durchgehender Digitalisierung der Gesellschaft ist dies ein Wandel, der sich nicht aufhalten lässt. Aber ist es nicht gerade dieser Wandel, der unsere Zeit so spannend macht?