Iran auf der Zielgeraden zur Bildungsgesellschaft und Industrienation

Mit gemässigtem Kurs Zukunft gestalten

Die Jamkaran Moschee in Qom. Bild: istock.com
Wer erst einmal seine Vorurteile ablegt, merkt schnell, dass uns die Iraner in vielen Dingen sehr viel ähnlicher als angenommen sind. Bild: istock.com
BIP von 2013 bis 2018. Gegenüberstellung Iran und MENA-Region. Quelle: World Bank
Handelsbilanzsaldo Iran 2006 bis 2016. Quelle: Statista
Bevölkerungspyramide Iran 2017. Quelle: PopulationParymid.net
Prof. Dr. Wernher van de Veen /

Professor Wernher van de Venn, Leiter des Instituts für Mechatronische Systeme IMS der ZHAW Winterthur und Präsident des Netzwerks Swiss Mechatronics, nahm anfangs 2017 einen sechsmonatigen Sabbatical im Iran an. In seinem Beitrag zeichnet er ein aktuelles Stimmungsbild des Landes, das uns in einigen Dingen sehr viel ähnlicher als angenommen ist.

Wenn heute ein Volk unterschätzt wird, dann wohl die Iraner. Dies ging mir während meiner Arbeit an der Azad University und University of Tehran immer wieder durch den Sinn. Zwar boomt der Tourismus dank einzigartigen Landschaften und reicher Kultur, die sehr viel älter als der Islam selbst ist. Aber die von George W. Bush für Iran, den Irak und Nordkorea in Umlauf gebrachte ‚Axis of Evil‘ blieb in unseren Köpfen hängen. Doch was westliche Besucher im ehemaligen Persien überrascht, ist die Offenheit, Freundlichkeit und Herzlichkeit, mit denen uns die Menschen empfangen. Meist unterhält man sich auf Englisch, oft auch auf Deutsch, oder dann schmunzelnd mit Gestik.

Teheran gilt als eine der sichersten Städte, in der man auch nachts problemlos spazieren geht. Die Metro von Teheran ist sehr sauber und mit Frauenabteilen ausgestattet, wobei Frauen sich setzen, wo es ihnen passt. Es ist ein Gebot der Höflichkeit, dass wir kulturelle oder religiöse Eigenheiten in einem fremden Land akzeptieren, doch fällt uns dies im Iran sehr leicht, denn die Denkweise im Alltag - ob im Souk, im Wirtschaftsleben oder an der Universität - ist der unsrigen sehr ähnlich. Der Iraner entspricht in keiner Weise dem religiösen Fanatiker, wie ihn westliche Medien in Unkenntnis der Wahrheit beschreiben. Vielmehr ist er ein geselliges, fröhliches und Musik liebendes Wesen, jederzeit bereit, spontan und mit möglichst vielen Gleichgesinnten zu feiern.

Das betrifft auch die Fastenzeit Ramadan, in der sich die Gläubigen vom ersten Morgenlicht bis zum Sonnenuntergang dem Essen, Trinken und Geschlechtsverkehr entsagen sollen. Gerade während meines Sabbaticals war also die Uni-Mensa geschlossen und auch sonst auf dem Uni-Gelände nirgends etwas Ess- oder Trinkbares aufzutreiben. Doch Freunde luden mich über Mittag zu sich nach Hause ein. Wie ich dort eintraf, wurde ich gefragt, ob ich essen möchte. Natürlich zeigte ich, dass mir der Ramadan nicht fremd ist und lehnte respektvoll ab. Doch sie schauten mich nur lächelnd an und meinten, dass es einen Unterschied zwischen öffentlichem und privatem Leben gebe, und falle der Ramadan in den Sommer, sei halt ‚Improvisionstalent‘ gefragt. Ich freute mich über ihr offenes, sympathisches Verhalten.

Wie schön: auch hier wiehert der Amtsschimmel…

Wer sich mit Bürokratismus schwer tut, sollte tief durchatmen, denn im Iran ist der Staatssektor der Wirtschaft durch ihn geprägt. Es dauert Alles etwas länger, als wir vielleicht gewohnt sind, aber hat man mal eine Sache angepackt, wird sie auch zu Ende geführt. Der überaus nette Leiter des International Office an der Azad University scherzte: «Es dauert zwei Wochen…aber ich meine natürlich ‚iranische‘ Wochen!» Aber ein paar wesentliche Dinge sind mir aufgefallen, zum Teil Übereinstimmungen in Forschung und Entwicklung, die ich an dieser Stelle erwähnen will:

  • Labors an der Universität Teheran weisen in etwa einen vergleichbaren Ausstattungsstand auf wie westliche Hochschulen.
  • Die Aktivitäten in Robotik, Informationstechnologie, Produktionstechnik, Mechatronik und anderes wickeln sich auf einem ähnlichen wissenschaftlichen Niveau ab wie bei uns in der Schweiz.
  • Noch pflegen Hochschulen und Industrie nur einen spärlichen Kontakt. Dessen ist man sich bewusst, baut Technoparks und ähnliche Einrichtungen.
  • Auf der ELECOMP, der Ausstellung für Elektronik, Computer und E-Commerce, deren Grösse etwa der Hannover Messe entspricht, waren in einer eigenen Halle zahlreiche Start-ups am Werk, die teilweise von der Regierung aufgelegte Förderprogramme verfolgten.
  • Industrie 4.0 geniesst hohe Priorität obwohl die Industrie, vor allem durch die langjährigen Sanktionen, dem aktuellen Stand europäischer Industrienationen um Jahre hinterherhinkt.
  • Junge Iraner sind meist gut ausgebildet und zeigen keine Berührungsängste mit moderner Technik: sie sind technikbegeistert und verfügen über ein gutes Gespür für Einsatzmöglichkeiten neuer Informations- und Kommunikationstechnologien.
  • Der Frauen-Anteil an den Universitäten ist mit 60 Prozent selbst in den technischen Studiengängen überdurchschnittlich hoch. Manche Universitäten Irans führten bereits Männerquoten in einigen Studiengängen ein.
  • Die ablehnende Haltung konservativer Kräfte innerhalb der Regierung verhindert derzeit die effiziente Internetnutzung, wie wir sie kennen. Momentan lässt sich das Internet kaum für den täglichen Geschäftsbetrieb einsetzen.
  • Durch die Sanktionen der EU und der USA ist die iranische Wirtschaft besonders im Jahr 2012 stark zurückgegangen, konnte aber trotzdem seit 2005 im Durchschnitt kontinuierlich wachsen. Mit dem Ende der europäischen Sanktionen wird in den kommenden Jahren allgemein ein deutlicher Anstieg des BIPs erwartet.
  • Die Sanktionen der USA führen zu teils merkwürdigen Zuständen, fördern aber auch innovative Ideen: amerikanische Software, wie beispielsweise Online-Kartendienste für Smartphones, sind verpönt, ebenso die Uber App. Ideenreiche iranische Softwareentwickler entwickelten jedoch Lösungen für den eigenen Markt, die mindestens genauso gut funktionieren und rege gebraucht werden. In Teheran ist es zum Beispiel absolut ‚in‘ Snapp - eine iranische Uber-Version - zu benutzen: sie ist einfach, schnell und sehr kostengünstig.
  • Hemmend für weitergehende wirtschaftliche Beziehungen ist die Blockade des internationalen Datenverkehrs über SWIFT. Da sich Banken international über SWIFT vernetzen, sind finanzielle Transaktionen zwischen europäischen und iranischen Banken nicht möglich. Dies äussert sich auch darin, dass man für Reisen in den Iran genügend Bargeld mit sich führen muss, da die Banken noch nicht wieder in den internationalen Zahlungsverkehr eingebunden sind.
  • Die iranische Aussenhandelsbilanz weist seit Jahren ein Plus auf (2016: 26 Mrd. US$).
  • Hauptimportgüter im Iran sind Maschinen, elektrotechnische Erzeugnisse, Eisen und Stahl sowie chemische Produkte.
  • Die iranische Wirtschaft besteht, entgegen der einschlägigen Vorstellung, nicht nur aus der Öl- und Gasindustrie und den damit verbundenen Raffinerieprodukten. Der zweitstärkste Industriebereich ist die Automobilindustrie. Mit derzeit rund 2 Millionen Fahrzeugen im Jahr macht diese etwa 19 Prozent der industriellen Produktion des Irans aus.
  • Der grösste iranische Automobilhersteller ist Iran Khodro (IKCO), nicht ein Privatunternehmen, sondern ein staatlich geführter Konzern. Er stellt mit Tochterfirmen zudem Nutzfahrzeuge in Lizenz her. Zweitgrösster Hersteller von Automobilen ist die SAIPA (Société Anonyme Iranienne de Production Automobile). Sie produziert vor allem in Lizenz französische, japanische und koreanische Fahrzeuge für den iranischen Markt. SAIPA stellt auch eigene Fahrzeuge her.

Fazit

Iran ist auf dem Weg zur bedeutenden Industrienation, denn die Voraussetzungen dazu bestehen. Die Regierung schlägt einen gemässigten Kurs als Grundlage für die Weiterentwicklung des Landes ein. Bedeutungsvoll ist die Tatsache, dass der als moderat geltende Hassan Ruhani in der Präsidentenwahl im Mai 2017 für eine zweite Amtszeit gewählt wurde. Dies weckt die Hoffnung, dass die konservativen Kräfte eingedämmt und die notwendigen Reformen aktiviert werden, welche die Wirtschaft des Landes stärken.

Direkte Gespräche mit Ministern und Vizeministern verschiedener Ministerien zeigen, dass keine Berührungsängste bestehen, jedoch Verständnis für dringend nötige Veränderungen. Man möchte von anderen Nationen lernen. Herrschte seitens konservativer Kräfte die Sicht, ausländische Unternehmen und Investoren könnten den Iran für ihre Zwecke ausnutzen, keimt allmählich die Erkenntnis, die internationale Zusammenarbeit in Industrie sowie Forschung und Entwicklung sei wichtig. An Universitäten ist dies schon lange ein Thema. Die junge und sehr gut qualifizierte iranische Bevölkerung brennt darauf, das Land voranzubringen. Das Interesse an hochstehender Technologie und qualitativ hochwertigen Produkten ist wichtiger Treiber für Irans erwachende Wirtschaft. Dafür wird der bisherige Trend, ausländische Produkte und Maschinen nachzubauen, dank wachsendem Know-how der eigenen Industrie und der guten Bildung weiter Bevölkerungsschichten nachlassen.

Die grossen und etablierten Hochschulen des Landes sind heute weitgehend auf dem Niveau der Hochschulen in Europa. Grund dafür ist, dass viele Dozenten und Professoren eine Ausbildung an europäischen, amerikanischen, kanadischen oder australischen Hochschulen absolvierten. Sie geben Wissen und Erkenntnis um die Notwendigkeit internationaler Kooperation so an Studierende weiter. Es ist Zeit für Europa, das Potenzial für wirtschaftliche und universitäre Kooperation mit dem Iran zu erkennen und dieses zum Nutzen beider Seiten auszuschöpfen…denn andere sind schon in den Startlöchern, um dies zu tun!