30 Jahre B&R Schweiz

Orange bleibt auch zukünftig Orange

Eines Tages skypen wir mit unseren Maschinen, ist sich Managing Director Hans Wimmer sicher. Bild: B&R
Markus Back / Smart Tech /

Die B&R Industrie-Automation AG feierte mit 150 Gästen in der Kartause Ittigen ihr 30-jähriges Bestehen. Den Festakt nutzte Managing Director Hans Wimmer nicht nur dazu, der hiesigen Mannschaft für ihren Einsatz zu danken, sondern für einen Rück- und Ausblick sowie der zukünftigen Rolle des Unternehmens innerhalb von ABB.

Die Schweizer Tochtergesellschaft entstand 1987 als eine der ersten des 1979 von Erwin Bernecker und Josef Rainer im oberösterreichischen Eggelsberg gegründeten Technologiekonzerns. Und diese 30 Jahre nutzten dessen hiesige Vertreter, um die Marke in und zwischen den Kantonen Graubünden und Waadt sowie Schaffhausen und Wallis fest im Markt zu verankern. Im vergangenen Geschäftsjahr erwirtschafteten die knapp 60 Mitarbeiter einen Umsatz von rund 40 Millionen Schweizer Franken. Dies entspricht knapp dem zehnfachen Wert dessen, was die B&R-Gruppe vor 30 Jahren umsetzte.

Rückblick

Was ist Zeit? 30 Jahre können je nach Betrachtung sehr lange aber ebenso auch sehr kurz sein. Ersteren Fall veranschaulichte Managing Director Hans Wimmer, der für den Festakt extra aus dem Mutterhaus in Eggelsberg anreiste, an der technologischen Entwicklung der vergangenen Jahre. So war eines der ersten Produkte von B&R überhaupt die ‚Unicontrol‘. Diese Steuerung kam im Gründungsjahr von B&R Schweiz auf den Markt und unterstützte 1024-Bit-Operationen. Um deren Programmierung zu vereinfachen, entwickelten die Tüftler im fernen Österreich ein Programmiergerät, das bereits alle Eigenschaften eines heutigen Notebooks besass. «Allerdings waren diese zu jener Zeit noch ein wenig anders ausgeführt», erinnerte sich Hans Wimmer. So verfügte das Programmiergerät anstelle eines hochauflösenden Multitouch-Displays über ein einfarbiges, einzeiliges Display und anstatt einer 8-Gigabyte-Flash-Card über ein einfaches EPROM, welches mit UV-Licht gelöscht werden musste.

Als einen wahren Durchbruch bezeichnete Hans Wimmer daher die nachfolgende ‚Multi-Control‘, die bereits über die vierfache Speicherkapazität verfügte und 250 I/O-Punkte verwalten konnte. Ausserdem liessen sich mit ihr erste, wenn auch noch sehr einfache, antriebstechnische Aufgaben umsetzen. «Da wussten wir noch nichts von der Leistungselektronik und waren von den heutigen Möglichkeiten weit entfernt», schränkte Hans Wimmer jedoch deren Funktionalität ein: «Damals war eine ungefähre Positionierung mit einem Analogsignal eine wahre Sensation.»

Diesem automatisierungstechnischen Quantensprung folgte später eine einheitliche Software-Plattform, die sowohl die Mini- als auch die Multi-Control unterstützte, sowie ein zweizeiliges Display mit 16 Zeichen. Dessen USP: Die Darstellung kyrillischer Zeichen. Einen weiteren Meilenstein setzte B&R mit netzwerkfähigen Panels. Bald darauf stieg B&R in die kundenspezifische Produktentwicklung ein.

Ausblick

In all den Jahren seines Bestehens zeigte sich B&R als ein wahrer Technologietreiber der Branche. Und so ist es nicht verwunderlich, dass die getätigten Investitionen in Forschung und Entwicklung zu einem Korb an neuen Produkten führte, welche auf der SPS IPC Drives Ende November in Nürnberg vorgestellt werden. So kündigte Hans Wimmer beispielsweise mit Time Sensitive Networking (TSN) eine Erweiterung an, die den offenen Standard OPC UA für komplexe Prozesse mit Echtzeitanforderungen fit machen soll. Als eine weitere Neuheit, die erstmals in Nürnberg zu sehen sein wird, nannte der Managing Director eine lineare Antriebseinheit, die durch Neuerungen in der Elektronik und der Software nach seiner Ansicht dem Maschinenbaubauer neue Freiheitsgrade verschaffen wird.

Die Gedankenleistung mehrerer Jahre steckt in einem weiteren Projekt, dass B&R gemäss Hans Wimmer schon länger umtreibt und das ebenfalls Ende November der breiten Öffentlichkeit vorgestellt wird: Die Implementierung von Kamerasystemen ins Automatisierungssystem. «Wer von Ihnen jetzt sagt, dass da nichts Neues ist, hat vollkommen recht», richtete sich der Managing Director direkt an die Festgäste: «Die Art und Weise, wie wir das jedoch implementiert haben, ist spannend.» Bei seinem Lösungsansatz orientierte sich der Hersteller an dem seiner Antriebstechnik; einfach, kostengünstig und jede Menge nutzen. «Wir träumen ein wenig davon, eines Tages mit unseren Maschinen zu skypen», so Hans Wimmer. Als weitere Neuheiten für Nürnberg kündigte er Lösungen aus den Bereichen IIoT und Netzwerkkoppelung an.

Integration in ABB

«Am 4. April gab es einen Paukenschlag, als die Information herausging, dass ABB die Firma B&R übernimmt», leitete Hans Wimmer von seinem Ausblick auf die SPS IPC Drives in Nürnberg aufs Tagesgeschäft über. Seit August sei man nun dabei, zu prüfen, wo es mögliche Synergien gibt und wo man Dinge gemeinsam machen könne, um den Anwendern einen noch grösseren Nutzen zu liefern. Wie dieser grössere Nutzen aussehen kann, machte der Managing Director an einem Beispiel deutlich: «ABB hat ein super tolles Roboter-Portfolio. Wir sehen das Potenzial, diese kinematischen Lösungen in Maschinen zu integrieren und so für den Anwender einen noch grösseren Nutzen zu schaffen.» Schon jetzt profitiere der Maschinenbauer vom gewachsenen Antriebsverstärkerbereich. Endete dieser bislang bei 100 kW, erweitert sich dieser durch die Integration in ABB nun auf 4 MW.

Innerhalb des Schweizer Konzerns gehören die Oberösterreicher zukünftig der Global Business Unit ‚Machine and Factory Automation‘ an und agieren damit weiterhin in ihrem angestammten und etablierten Geschäft. Ganz nebenbei schliessen sie damit die historische Lücke von ABB in diesem Bereich. Die Marke B&R bleibt laut Hans Wimmer in der neuen Konstellation ebenso bestehen wie die Farbe Orange. Damit die Tochtergesellschaften die Nähe zum Mutterhaus behalten, welches zukünftig globales Entwicklungszentrum für Maschinen- und Fabrikautomatisierung von ABB sein soll, berichten diese wie bislang dorthin. An die Festgäste in Ittingen gerichtet meinte Hans Wimmer abschliessend: «Wir werden so bleiben wie wir sind. Wenn Sie das anders empfinden, geben Sie uns bitte ein Signal, damit wir entsprechend reagieren können.»