Individueller Skischuh aus dem 3D-Drucker

Passgenaue digitale Replik

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Markus Back / Chefredaktor Smart Tech /

Der 3D-Druck eröffnet vollkommen neue Geschäftsfelder. Bester Beweis dafür ist die Tailored Fits AG aus Horw, die sich auf die Herstellung massgefertigter Skischuhe spezialisiert hat. Und von dieser Spezialisierung partizipiert sogar der Fachhandel.

Wenn der Skischuh nicht richtig sitzt, gestaltet sich selbst die allerschönste Abfahrt zum Alptraum. Mit jedem Schwung schmerzen die kalten Füsse ein bisschen mehr und rücken die Landschaft und den Spass zusehends in den Hintergrund. Zwar gibt es Möglichkeiten, die Skischuhe individuell auf ihren Träger anzupassen, doch sind diese meist nicht von Dauer. Ausgeschäumte Innenschuhe führen beispielsweise mit der Zeit zu schmerzhaften Druckstellen, da der Schaum zusammengepresst und hart wird. Nicht besser ist es bei einer thermischen Umformung der Schalen. Über kurz oder lang geht diese in ihre Ursprungsform zurück, wodurch die Bewegung im Schuh und damit die Gefahr von Krampferscheinungen zunimmt. Daher lassen sich die Profis im Weltcup ihre Schalen ausfräsen. Allerdings ist dies eine Kunst, die nur sehr wenige Servicemänner perfekt beherrschen, weshalb dieses Verfahren nicht für die breite Masse geeignet ist.

Was also tun, um sich den Winterspass nicht verderben zu lassen? «Die Lösung ist der zu einhundert Prozent angepasste Skischuh», sagt Reto Rindlisbacher. Und der CEO der Tailored Fits AG weiss genau, wovon er spricht. Jahrelang im Marketing und Management renommierter Marken wie Trisa, Völkl und Nordica tätig, tauschte er sich mit vielen Freizeit- und Profisportlern aus und gelangte zu der Erkenntnis: Der Skischuh aus dem Regal passt sich nur in den wenigsten Fällen perfekt den Füssen seines Trägers an. Daher gründete er ein Unternehmen, um Skischuhe in Losgrösse 1 zu fertigen.

Herstellungsverfahren

Der individuell gefertigte Skischuh ist mit Kosten von knapp 1700 Schweizer Franken für das Paar nicht gerade ein Schnäppchen, aber dafür ein Unikat, das sich perfekt um beide Füsse schmiegt. Basis für diese hohe Passgenauigkeit ist zunächst ein 3D-Scan im Fachgeschäft. Weil dieser erste Scan in der Vorlage und im Kantenwinkel nicht zu 100 Prozent präzise ist, erfolgt die Einpassung des Fusses in den Schuh mittels verschiedener Software-Lösungen und digitaler Tools. Unter anderem bedient sich der Anbieter aus Horw dazu einer Lösung aus dem medizinischen Bereich, mit der Chirurgen Operationen vorbereiten. Da sich mit dieser der genaue Sitz von Skelett und Muskulatur bestimmen lässt, sitzt der Schuh am Ende perfekt - die Fussfläche ist gerade und das Schienbein läuft gerade über die Zehen hinaus.

Mit dieser Vorlage erfolgt der 3D-Druck des Innenschuhs im FDM-Verfahren. «Bei diesem gibt es im Vergleich zu den anderen die wärmsten Füsse», begründet Reto Rindlisbacher die Entscheidung für das Fused-Deposition-Modeling-Verfahren. In den 3D-Druck fliessen dabei individuelle Parameter des Trägers mit ein, wie zum Beispiel sein Gewicht oder sein Können. Trägt diese Skischuhe beispielsweise eine Frau mit 50 Kilogramm Körpergewicht, die mittelmässig gut Ski fährt, fällt der 3D-Druck nicht so eng und etwas weicher aus. Berücksichtigen lassen sich weitere Vorlieben, wie eine weiche Zunge, die zwar nicht ideal für die Kraftübertragung ist, dafür aber den Tragekomfort erhöht. Zudem lässt sich der Knöchelbereich in verschiedenen Härtegraden ausführen und selbst der Freiraum für die Fusszehen lässt sich nach dem persönlichen Empfinden gestalten. Hier rät der CEO der Tailored Fits AG jedoch zu mehr als zu wenig Freiraum – schliesslich soll es nicht über die Zehen bergab gehen.

Partner des Fachhandels

Vom Scan-Vorgang beim Fachhändler bis zur Auslieferung des Unikats dauert es derzeit drei Wochen. Durch Optimierungen in der Prozesskette soll sich diese Dauer bis zur nächsten Saison auf eine Woche reduzieren. Geliefert wird der Skischuh übrigens nicht vor die Haustür, sondern zum Fachhändler. «Für uns ist es ganz wichtig, weil wir dem Fachhandel keine Kunden nehmen wollen. Und womöglich kaufen sie beim Abholen ja noch weiteres Zubehör ein?», so Reto Rindlisbacher. Somit sei man trotz des digitalen Geschäftsmodells ein gern gesehener Partner des Fachhandels. Dieser profitiert übrigens noch an anderer Stelle vom Multichannel-Marketing der Tailored Fits AG: Seine Kosten für die Lagerhaltung reduzieren sich massiv, zudem baut er kein Risiko auf. «Das Abschreiben von Artikeln ist der grösste Posten im Sportartikelhandel. Es weiss vor der Saison ja kein Händler, wie viele Skischuhe er in Grösse 45 verkauft?», so der CEO.

Grosser Nutzniesser ist und bleibt aber der Käufer. Durch die digitale Replik seines Fusses erhält er einen passgenauen Skischuh, der eine ideale Kraftübertragung bei bleibender sportlicher Leistungsfähigkeit garantiert. Letzteres wird durch den Wegfall der Schnallen erreicht, welche beim Verschliessen die Blutbahnen abdrücken. Ein weiterer angenehmer Effekt dieses innovativen Designs: Durchblutete Füsse kühlen nicht so schnell aus.