Im Gespräch mit CEO Matthias Altendorf von der Endress+Hauser-Gruppe

«Das Bessere ist der Feind des Guten»

Matthias Altendorf begründet das gute Ergebnis für Endress+Hauser in 2017 mit einem starken privaten Konsum, einem sich stabilisierenden Ölpreis sowie tiefen Zinsen, die zu höheren Investitionen in der verfahrenstechnischen Industrie führten.
Der iTherm TrustSens arbeitet mit einem integrierten Referenzsensor, der das physikalische Phänomen der Curie-Temperatur nutzt: An einem bestimmten Temperaturpunkt verändern sich die magnetischen Eigenschaften eines Materials abrupt. Sobald dieser Wert, etwa nach einer Dampfsterilisation, unterschritten wird, gleichen sich die Sensoren ab. Da die Curie-Temperatur immer konstant bleibt, liefert die Referenzsonde als Master einen stabilen Vergleichswert. So kalibriert sich die Sonde bei jeder Reinigung oder Sterilisierung der Anlage selbst. Bilder: Endress+Hauser
Markus Back / Chefredaktor Smart Tech /

Die Endress+Hauser-Gruppe legte nach einer Verschnaufpause in 2016 im vergangenen Geschäftsjahr zu und verzeichnete den besten Umsatz und Gewinn in seiner 65-jährigen Geschichte. Wie es dazu kam und wieso der Messtechnikanbieter seine Kompetenz nicht im Bau von Industriegebäuden sieht, erklärt CEO Matthias Altendorf im Gespräch.

In 2016 mussten Sie noch einen Umsatzeinbruch von 0,2 Prozent verantworten, für 2017 dürfen Sie indes ein Plus von knapp 5 Prozent vermelden. Wie gross ist Ihre Erleichterung?

Nach aussen betrachtet ist ein positives Wachstum gesehen immer gut. Für uns ist aber der relative Marktgewinnungsanteil mindestens ebenso wichtig. Und dieser war im Jahr 2016, in dem wir nicht gewachsen sind, grösser als im vergangenen Jahr. Dennoch freue ich mich natürlich über dieses Wachstum, das in lokalen Währungen mit 6,5 Prozent sogar noch ein wenig besser ausgefallen ist.

Die gute Entwicklung in 2017 begründen Sie unter anderem mit dem starken privaten Konsum, der sich in Investitionen in der produzierenden Industrie niedergeschlagen hat. Welche Lösungen von Endress+Hauser sind besonders nachgefragt, wenn der private Konsum floriert?

Wenn der private Konsum anzieht, lässt sich dieser zunächst über die Lager bewirtschaften. Irgendwann müssen die Hersteller aber ihre Kapazitäten erweitern und dann wird es für uns interessant, da auch die Nachfrage bei den Rohstofflieferanten anzieht. Für uns sind hier vor allem die Bereiche Chemie, Öl- und Gas sowie Metall interessant. Das Wachstum ging bei uns über alle Produktgruppen hinweg, es gab kein Produktsegment, welches hierbei besonders hervorgestochen hätte.

Sie bezeichnen die Flüssigkeitsanalyse als Wachstumsmotor. Wie viel Prozent macht diese am Gesamtumsatz aus und in welchen Branchen kommt diese bevorzugt zum Einsatz?

Die Flüssigkeitsanalyse bezeichnen wir bei uns deshalb als Wachstumsmotor, weil diese in den vergangenen fünf Jahren kontinuierlich sehr stark im zweistelligen Bereich gewachsen ist. Der Grund hierfür liegt in den globalen Wertschöpfungsketten. Für den Anwender unserer Lösungen ist nicht mehr nur die Menge, sondern auch die Qualität des gemessenen Stoffes interessant. Die Endress+Hauser Conducta wächst vor allem im Bereich der Umweltanalyse, also allem, was mit Trink- und Frischwasser sowie Abwasser zu tun hat. Gute Ergebnisse erzielte sie aber auch in den Branchen Lebensmittel- und pharmazeutische Industrie sowie der Chemie.

Als Ursache für den Umsatzrückgang in der Schweiz nennen Sie die strukturellen Anpassungen in Folge der Franken-Aufwertung. Mit welchen Massnahmen wollen Sie den Heimmarkt stützen und inwieweit hilft hierbei der erstarkende Euro?

Der erstarkende Euro hilft auf jeden Fall, da hiesige Kunden dadurch wettbewerbsfähiger werden. Um den Heimmarkt zu stärken, wollen wir noch mehr ins Flächengeschäft gehen und kleinere und mittlere Kunden für unsere Lösungen und Dienstleistungen gewinnen. Dazu haben wir unter anderem unseren Vertrieb neu strukturiert.

Sie sagen, das internationale Geschäft gewinnt an Gewicht, inzwischen würden 53 Prozent des Umsatzes ausserhalb Europas erzielt. Sieht Endress+Hauser Europa inzwischen als einen nationalen Markt?

Keineswegs. Jeder Markt ist spezifisch, auch hier in Europa. Der Portugiese und der Pole beispielsweise sind nicht nur geographisch weit voneinander entfernt. Daher können wir Europa nicht als einen Markt betrachten. Mit meiner Aussage wollte ich deutlich machen, dass wir mittlerweile auch in den Überseemärkten gut beheimatet sind, diese kennen und uns auch dort sehr gut um unsere Kunden kümmern.

Im Dienstleistungsgeschäft, beispielsweise der Kalibrierung von Sensoren, legte Endress+Hauser in 2017 weiter zu. Verbietet es sich da nicht, ein selbstkalibrierendes Thermometer wie den iTherm TrustSens zu entwickeln, für den Sie 2018 den Hermes Award erhalten haben?

Das Bessere ist der Feind des Guten! Und wenn der Anwender nicht mehr kalibrieren muss, ist das für ihn nun einmal besser. Selbstverständlich wollen wir ihm beim Kalibrieren helfen, aber wenn es irgendwie geht, ist die Nicht-Kalibration die bessere Lösung. Und wir müssen an den Kunden und nicht an uns denken.

Die jungen Vertriebsgesellschaften auf der arabischen Halbinsel konnten im Vergleich zu früheren Jahren keine Akzente setzen. Was ist die Ursache hierfür?

Im Wesentlichen leiden diese unter dem Ölpreis und einer Investitionsverlagerung in andere Bereiche, wodurch es im Gas- und Ölbereich zu einem Investitionsstau gekommen ist. Ein anderes ist die veränderte geopolitische Situation auf der arabischen Halbinsel. Saudi-Arabien möchte die Wertschöpfung im eigenen Land erhöhen, wodurch die Emirate als Eintrittstor in den saudi-arabischen Markt an Bedeutung verloren haben.

In Saudi-Arabien eröffnet im Spätsommer ein neues Kalibrierzentrum. Inwieweit wird dieses die Umsätze auf der arabischen Halbinsel beleben?

Wir hoffen, dass wir im Dienstleistungsgeschäft weiter nach vorne kommen. Gleiches gilt für unser Reparatur- und Ersatzteilgeschäft, da wir auf der arabischen Halbinsel grosse Aufträge generieren und die Kunden besser unterstützen wollen. Wir bieten dort aber nicht nur die Kalibration, sondern auch die Systemintegration an.

Endress+Hauser investiert in den Ausbau seiner Produktionskapazitäten im Dreiländereck. Woher sollen die hierfür benötigten Facharbeiter kommen? Schliesslich sind diese in der Region gefragter als Akademiker oder Ingenieure!

Unsere erste Präferenz ist es, diesen Bedarf über Ausbildung abzudecken. Darüber hinaus versuchen wir die Marke «Endress+Hauser» als guter Arbeitgeber noch viel besser in der Wahrnehmung potentieller Arbeitnehmer zu verankern. Aber es ist schon so, dass die Suche von Facharbeitern in unserer Region mitunter etwas länger dauert und eine Herausforderung ist. Dies gilt für die Schweizer wie für die deutsche Seite gleichermassen.

Inwieweit lässt sich diese Nachfrage über die Qualifizierung von Flüchtlingen decken, bei der sich Ihr Unternehmen ja ebenfalls engagiert?

Da muss man ehrlich sein, diese Qualifizierungsmassnahmen haben keinen sehr grossen Einfluss auf den Facharbeitermangel in unserer Region. Wir betrachten diese vielmehr als einen solidarischen Akt von Endress+Hauser für die Gemeinschaft, aber die sich kurzfristig auftuenden Lücken können wir damit nicht stopfen. Es dauert schlichtweg zu lange, bis diese Leute qualifiziert sind.

Im Ausblick für 2018 sprachen Sie sich klar gegen eine Abschottung der Märkte aus. An wen oder was genau haben Sie hierbei gedacht?

Der Freihandel ist in den vergangenen zwanzig Jahren ein wesentlicher Wohlstandsfaktor für uns Europäer, aber auch für die Asiaten und die Amerikaner gewesen. Handelskriege oder Abschottungen von Märkten sorgen dafür, dass alle darunter leiden. Daher wollen wir keine Abschottung, egal, wer sich dafür ausspricht. Wir sind für offene Märkte und für offenen, aber auch fairen Handel. Sicherlich gibt es im Arrangement von China, Europa und USA Dinge, die sich besser machen lassen, aber eine Marktabschottung kann nicht die Lösung sein.

Seit der Bilanzmedienkonferenz 2017 eröffnete Endress+Hauser weltweit elf neue Gebäude. Könnten die Planung und der Bau von Industriegebäuden ein neues Geschäftsmodell werden, wenn es mal mit der Messtechnik nicht mehr so laufen sollte?

Ich hoffe doch nicht. Diese enorme Bautätigkeit hat einen anderen Grund. Wenn wir um 100 Millionen Euro wachsen, bedeutet dies 300 bis 500 zusätzliche Mitarbeiter - und für die benötigen wir Platz. Daher bauen wir kontinuierlich aus und schaffen zugleich Reserven. So planen wir für dieses und kommendes Jahr insgesamt zwanzig weitere grössere Aktivitäten, unter anderem in Reinach, Maulburg und Gerlingen, um schon jetzt für die Aufgaben von morgen gewappnet zu sein.